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Originaletikette der ersten Verpackung eines ZuckerwürfelsDačice und der erste Zuckerwürfel der Welt

Entstehung der modernen Zuckerindustrie im Südwesten Mährens

Nach dem Ende der Napoleon Kriege wurde in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts auch in der habsburgischen Monarchie erneut versucht, Zucker aus Zuckerrüben herzustellen. Die erste Rübenzuckerfabrik der Moderne im Westen der Monarchie wurde im Jahr 1829 in Kostelní Vydří bei Dačice  gebaut. Am Bau beteiligten sich die Gebrüder Thomas und Franz Grebner (aus Württemberg), die die Zuckerrübenverarbeitung in Deutschland und vor allem in Frankreich studierten. Der Ackerboden in der Umgebung von Dačice war allerdings für den Zuckerrübenanbau nicht besonders geeignet (ungefähr 500 M ü. M.), der Zuckerfabrik mangelte es bald am Qualitätsrohstoff und dieser musste schrittweise durch Zuckersirup aus Kartoffeln ersetzt werden. Aus diesem Grund musste die Zuckerfabrik in Kostelní Vydří schon im Jahr 1832 die Zuckerrübenvereinbarung einstellen.

Zuckerraffienerie in DačiceDie erste Zuckerraffinerie in Mähren

Der Misserfolg der Zuckerfabrik in Kostelní Vydří bedeutete aber kein Ende der unternehmerischen Aktivitäten von F. Grebner. Er errichtete im Jahr 1833 eine Zuckerraffinerie in einem Gebäude direkt auf dem Hauptplatz von Dačice. Später wurde die Raffinerie noch um weitere Nachbarobjekte erweitert. Am Anfang wurde hier nur Rohrzucker verarbeitet, der über Wien aus Triest angeliefert wurde, was das Werk zur ersten Rohrzuckerraffinerie in Mähren machte. Nach 1844 verarbeitete man hier ausschließlich Rübenzucker aus einheimischen Zuckerrüben. Die Raffinerie brachte einen wirtschaftlichen Aufschwung in die Stadt, es entstanden neue Arbeitsplätze und viele ausländische Fachleute siedelten sich hier an. Im Jahr 1839 geriet das Unternehmen allerdings in wirtschaftliche Probleme und Grabners Mitgesellschafter luden im Frühling 1840 einen neuen Direktor aus Wien ein – Jacob Christoph Rad, geboren in Rheinfelden in der Schweiz.

Julianne und Jacob Christoph RadJacob Christoph Rad
- der Erfinder des Zuckerwürfels

Mit dem neuen Direktor begann eine ruhmvolle Zeit, die am Ende ihren Höhepunkt in der Erfindung des Zuckerwürfels sowie der Maschine zu dessen Herstellung fand. J. Christoph Rad vergrößerte zunächst die Betriebsräume, beschaffte neue Maschinen und im Jahr 1842 gliederte er auch die erste Dampfmaschine der Stadt in die Produktion ein. Unter der neuen Führung gedieh das Werk. Mit Zucker aus Dačice wurden der Südwesten Mährens, Süd- und Ostböhmen und das österreichische Grenzgebiet versorgt. Zucker aus Dačice konnte man in Wien, Pest, Lemberg und Brünn kaufen.

Zur besseren Nutzung einiger Produkte der Zuckerraffinerie und zur Erhöhung der Wirtschaftlichkeit, begann Direktor Rad im Jahr 1841 mit der Herstellung von kandierten Früchten, Süßwaren und Schokolade, an der auch seine Frau Julianne beteiligt war.

Die unpraktischen Zuckerformen (Zuckerkegel, Zuckerhut, Zuckerbrot) brachten J. Ch. Rad dazu, den Zuckerwürfel zu erfinden. Für die Kaufleute sowie für den Haushalt war nämlich der bisherige Zucker gar nicht praktisch, den Zuckerkegel konnte man schlecht verpacken und er ging leicht kaputt. Beim Verkauf gelang es nicht immer, die genaue Menge abzuhacken und es entstand viel Abfall. Von Nachteil war auch die lange Trocknungszeit der Zuckerkegel.


"Hinter allem (auch dem Zuckerwürfel) steckt eine Frau" 

Bis 1843 musste jede Hausfrau erst eine Zuckerhacke holen, wenn sie das Essen  süßen wollte. Sie musste ein kleines Stück Zucker vom großen Zuckerkegel abhacken. Ein Moment Unaufmerksamkeit und schon konnte man sich verletzen. Eines Augusttages 1841 erlitt beim Zuckerabhacken so eine Verletzung am Finger auch Julianne Rad. Darum forderte sie ihren Mann sowie die anderen Angestellten der Zuckerraffinerie von Dačice, die gerade bei ihnen beim Mittagessen waren, auf, ein Verfahren zu entwickeln, mit dem man das schwere Abhacken und Spalten von Zucker vermeiden könnte. Angeblich schlug sie selbst vor, Zucker in Form von Würfeln herzustellen, die man dann einfach auch stückweise verkaufen und gut lagern könnte.

Vordere Ansicht der ZuckerpresseSie war dann bestimmt angenehm überrascht, als sie im Herbst desselben Jahres von ihrem Mann eine kleine Schachtel bekam. Drinnen befanden sich 350 weiße und rote Zuckerwürfel. Herr Rad baute eine Zuckerwürfelpresse und am Ende des Jahres 1842 beantragte er bei der Hofkammer in Wien ein Privilegium zum Herstellen von Würfelzucker in Dačice. Dieses Privilegium wurde ihm am 23. Januar 1843 erteilt.

Im Herbst 1843 begann man in der Zuckerraffinerie in Dačice Würfelzucker auch für den Markt zu herzustellen. Das erste Mal war er auch in Wien unter dem Namen „Thee-Zucker“ erhältlich. Eine Packung mit 250 Zuckerwürfeln wog ein Pfund (ca. 0,5 kg) und erinnerte an eine kleine Schachtel mit chinesischem Tee. Bald kauften das Patent für Würfelzucker Preußen, Sachsen, Bayern, die Schweiz und England. Eine weiterentwickelte Form der Erfindung des Herrn Rad verwenden die Zuckerraffinerien auf der ganzen Welt bis heute.


Das Geheimnis der Radschen Erfindung: Wie kommt ein Zuckerwürfel zur Welt? 

Das aus der Schneidmaschine erworbene Zuckerpulver aus nicht ganz trockenen Zuckerkegeln wurde durch die Siebanlage durchgesiebt und in die Öffnungen in einer Messingplatte gefüllt. Die Platte hatte 400 Öffnungen in Viereckform und saß auf der unteren vollen Platte auf. Beide Platten wurden in die Presse eingeschoben, wo anhand einer Schraubenspindel und eines Schwenkhebels die am Stößelkopf angebrachten Stempel in die Löcher der Messingplatte hineingepresst wurden. Dadurch wurde der Zucker in den Öffnungen auf das halbe Volumen zusammengepresst. Die Würfel druckte man schließlich auf eine Holzunterlage aus und transportierte sie zusa

mmen mit dieser Unterlegplatte in die Regale im Trockner. Hier trockneten sie 10 – 12 Stunden lang. Anschließend wurde der Würfelzucker in Päckchen verpackt, die je ein Pfund wogen. Mit 6 Pressen konnte man in Dačice bis zu 1120 kg Würfelzucker täglich herstellen.


Die Raffinerie musste schließen, der Zuckerwürfel blieb uns erhalten 

Den Umständen zufolge verschlechterte sich Mitte der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts die wirtschaftliche Lage der Zuckerraffinerie und auch die Würfelzuckerherstellung, in die J. Ch. Rad seine Denkmal des ersten ZuckerwürfelsHoffnungen setzte, brachte keine Verbesserung. Rad verließ dann 1846 mit seiner Großfamilie die Stadt Dačice. (Die Familie Rad hatte insgesamt 16 Kinder, wobei 7 Kinder bald darauf verstarben; die Nachkommen leben in der Schweiz und in Österreich). Die Zuckerraffinerie war noch bis 1852 in Betrieb und danach wurde sie geschlossen. Das Gebäude wurde im Jahr 1863 bis auf die Kellerräume abgerissen. Später hat man hier einen Theater- und Tanzsaal gebaut, der bis heute steht.

Im Jahr 1983 wurde dem Zuckerwürfel in Dačice ein kleines Denkmal aus Granit aufgestellt, das an die süße Erfindung des Herrn Rad erinnert. Das Denkmal steht im Park, in der Nähe des Renaissanceturms der St. Laurentius Kirche.

Im Jahr 2003 wurde am Gebäude der ehemaligen Zuckerraffinerie eine Gedenktafel enthüllt. Im städtischen Museum und in der Galerie in Dačice gibt es eine Dauerausstellung, die der Herstellung des Dačicer Zuckerwürfels und der Zuckerfabrik in Kostelní Vydří gewidmet ist.